Seit der Einführung des Pfandrückgabesystems für Getränkeverpackungen hat sich in den inneren Bezirken Budapests eine ungewöhnliche nächtliche Welt entwickelt. Sobald die Sonne untergeht, erscheinen Sammler, die Mülleimer, Gaststätten und stark frequentierte Plätze systematisch nach Pfandflaschen durchsuchen. An manchen Orten haben sich bereits regelrechte „eigene Reviere“ herausgebildet, um die ein ernsthafter Wettbewerb entstanden ist.
Das Prinzip ist einfach: Für bestimmte Kunststoff-, Metall- und Glasgetränkeverpackungen erhält man bei der Rückgabe 50 Forint pro Stück.
50 Forint klingt zunächst nach wenig. Hundert Flaschen bedeuten jedoch bereits 5.000 Forint, fünfhundert Flaschen 25.000 Forint.
Sammler, die in einer Reportage der RTL-Sendung Házon kívül zu Wort kamen, berichteten, dass manche von ihnen an einem einzigen Tag Flaschen im Wert von 15.000 bis 40.000 Forint sammeln können. Bei solchen Summen wird eine weggeworfene Flasche plötzlich nicht mehr als Müll wahrgenommen, sondern als Geld.
Und wo Geld zu finden ist, entsteht früher oder später Konkurrenz.
Die Budapester Innenstadt eignet sich dafür besonders. Auf engem Raum befinden sich zahlreiche Touristen, Restaurants, Bars und Nachtlokale. Abend für Abend landen dadurch große Mengen rückgabefähiger Flaschen in öffentlichen Abfallbehältern.
Die Sammler wissen inzwischen genau, welche Straße zu welcher Zeit besonders ergiebig ist.
Doch diese Entwicklung hat ihren Preis.
Bei der Suche nach Flaschen werden öffentliche Mülleimer häufig durchwühlt oder sogar vollständig ausgeleert. Die wertvollen Flaschen verschwinden, der übrige Abfall bleibt jedoch nicht selten auf Gehwegen und Straßen zurück.
Im VI. Bezirk, Terézváros, ist das Problem inzwischen so groß, dass die Bezirksverwaltung an drei Nächten pro Woche ein spezielles Reinigungsteam einsetzt, das die Umgebung durchwühlter Müllbehälter säubert.
Dabei ist die Grundidee des Pfandsystems keineswegs schlecht.
Das System hat genau das erreicht, was von einem wirtschaftlichen Anreiz zu erwarten war: Es hat Dingen einen Wert gegeben, die früher einfach weggeworfen wurden.
Wenn eine Flasche 50 Forint wert ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass sie lange auf der Straße, im Straßengraben oder in einem Park liegen bleibt.
Das eigentliche Problem besteht vielmehr darin, dass rund um diesen finanziellen Anreiz nicht überall ein Sammelsystem geschaffen wurde, das verhindert, dass dafür normale Mülleimer auseinander genommen werden.
So ist eine merkwürdige Doppelwirkung entstanden.
Aus Umweltsicht kann das System durchaus erfolgreich genannt werden, weil große Mengen an Getränkeverpackungen in den Recyclingkreislauf zurückkehren. Aus Sicht der Stadtverwaltung hat es jedoch gleichzeitig ein neues Problem geschaffen: eine informelle Flaschenwirtschaft mit eigenen Routen, Revieren und Konkurrenzkämpfen.
Die Lösung dürfte deshalb kaum darin bestehen, die 50 Forint Pfand wieder abzuschaffen.
Sinnvoller wäre es, dafür zu sorgen, dass Pfandflaschen gar nicht erst aus normalem Müll herausgesucht werden müssen.
Separate Sammelbehälter auf der Straße, leicht zugängliche Flaschenhalter, zusätzliche Rückgabestellen oder spezielle Behälter neben öffentlichen Mülleimern könnten viele Konflikte vermeiden.
Denn momentan befinden wir uns in einer paradoxen Situation:
Wir haben ein System geschaffen, damit weniger Flaschen im Müll landen.
Jetzt wird der Müll ausgeschüttet, weil Flaschen darin liegen.
Der sogenannte 50-Forint-Flaschenkrieg zeigt daher nicht unbedingt, dass die ursprüngliche Idee schlecht war.
Er zeigt vielmehr, dass eine gut funktionierende finanzielle Motivation manchmal auch eine Stadt dazu zwingt, ihre Infrastruktur entsprechend anzupassen.









